Expertenrunde diskutierte Chancen realistisch nutzen
Die Podiumsrunde (von links): der Vorsitzende des Sozialverbands, Roland Klinger, Sozialdezernent Andreas Bauer, Moderator Gerhard Droste von der Bruderhaus-Diakonie, Martin Holder vom Vorstand der Wafios AG, sitzend der Vorsitzende des Werkstattrats Robert Kleinheitz, Martin Bauch vom Vorstand der Bruderhausdiakonie und Vorstandsvorsitzender Pfarrer Lothar Bauer. GEA-FOTO: PACHER
VON JÜRGEN KEMPF
REUTLINGEN. Es ist noch nicht lange her, da wurde die umgebaute und erweiterte Werkstätte für Behinderte der Bruderhaus-Diakonie ihrer Bestimmung übergeben. Gestern nun wurde das 40-jährige Bestehen der Einrichtung gefeiert, die aus der Kartonagenfertigung des Bruderhauses hervorging und 1972 auf den Gaisbühl verlegt wurde. »Wir können heute den Schlussstrich unter ein großes Projekt setzen«, sagte der Vorstandsvorsitzende Lothar Bauer. Neun Millionen Euro, davon zwei Millionen aus öffentlichen Mitteln, wurden auf dem Gaisbühl verbaut, um die alten Gebäude zu sanieren und den Erweiterungsbau an der Oberlinstraße hochzuziehen. Allerdings habe man noch einen großen Wunsch offen: den nach einer Werkstatt für die psychisch erkrankten Menschen. Die Verhandlungen mit dem Landkreis sind angelaufen.
Blick in Vergangenheit
Da traf es sich gut, dass in der Gesprächsrunde, die sich zur Gegenwart und Zukunft der Werkstätten für Behinderte auch mit Blick auf das aktuelle Thema Inklusion austauschte, auch der Sozialdezernent des Landkreises Andreas Bauer (»Entscheidende Sitzung demnächst«) saß. Doch bevor er an die Reihe kam, warf ein »Urgestein« der Werkstätte, der Vorsitzende des Werkstattrats, Robert Kleinheitz, einen Blick in die Vergangenheit. »Früher durfte man nichts sagen«, meinte er, dazu nur Einfachstarbeiten, keine Fortbildung, kein Mitspracherecht.
Heute dagegen Maschinenund Büroarbeit, umfangreiche Bildungsprogramme und mehr Mitsprache. Dass sich viel geändert hat, bestätigte auch der Direktor des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales (früher LWV), Roland Klinger. Es gehe in den Werkstätten nicht mehr nur um Tagesstrukturierung, sondern um Beschäftigung.Die Wertschöpfungskette sei beachtlich. Allerdings, auf dem Arbeitsmarkt könnten derzeit nur rund drei Prozent der WFB-Schützlinge untergebracht werden. Zehn bis 20 Prozent sollten es allerdings sein, meinte Klinger. Außerdem verwies er auf die Zahl von derzeit 17 000 arbeitslosen behinderten Menschen.
Auch Andreas Bauer bestätigte, dass sich der Inhalt der Arbeit in den Werkstätten sehr verändert habe. Zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt gehöre, dass die Arbeitsplätze in den ersten Arbeitsmarkt konkurrenzfähig seien. Allerdings sei die wirtschaftliche Erholung noch nicht bei den schwerbehinderten Menschen angekommen.
Martin Holder vom Vorstand der Wafios AG verwies auf die guten Erfahrungen, die sein Unternehmen bei der Beschäftigung (Einscannen von Dokumenten) von Behinderten gemacht habe. »Die machen einen Super-Job«. Die Vorbehalte seien schnell ausgeräumt gewesen. Wichtig sei dabei, dass die Menschen vor Ort arbeiten. Prinzipiell sehe er auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und des Nachwuchsmangels einen Markt für die Beschäftigung behinderter Menschen. Allerdings müsse die den Bedarf treffen.
Klinger, der die Tarifparteien dazu aufforderte, für behinderte Menschen Tarifverträge auszuhandeln (»Dann sind sie in alle Systeme integriert«), sagte auch, dass sich alle Beteiligten zusammensetzen müssten, um unter Einbeziehung der Wünsche der Betroffenen einen auf ihre Fähigkeiten angepassten Arbeitsplatz zu finden. »Die Chance nutzen, die Wirklichkeit nicht ausblenden«, das sei für ihn die Leitlinie, um sich an das Problem »langsam und stetig heranzutasten«. (GEA)
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